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DIE KINDER DER MAFIA

Der wahre Hintergrund zu dieser Geschichte hat nicht in Sizilien stattgefunden, sondern in Kalabrien. Als ich den Film „Liberi di scegliere“ auf Netflix gesehen habe (sehr sehenswert, schaut ihn euch unbedingt an!), bin ich zum ersten Mal auf das gleichnamige Projekt aufmerksam geworden und fand die Idee so toll, dass ich ihr einen Platz in meinem Roman geben wollte. Deshalb habe ich die Initiative des Jugendrichters Roberto Di Bella kurzerhand von Kalabrien nach Sizilien verlegt und deutlich früher angesetzt.

Hier kommt die wahre Geschichte dazu: „Liberi di scegliere“ ist ein Programm, das Kindern, Jugendlichen und Frauen hilft, aus der kalabrischen ‘Ndrangheta, der mächtigsten Mafiaorganisation der Welt, auszusteigen. Seit 2012 konnten mit seiner Hilfe rund 80 Minderjährige und 30 Kernfamilien untertauchen und Kalabrien verlassen. Die Idee zu diesem Programm hatte der damalige Präsident des Jugendgerichtes von Reggio Calabria, Roberto Di Bella, und zwar aus folgendem Grund: In den vorangegangenen 25 Jahren waren vor diesem Gericht über 100 Prozesse wegen organisierten Verbrechens geführt worden, davon über 50 wegen Mordes oder versuchten Mordes, allesamt begangen von Minderjährigen.

Dazu muss man wissen, dass die Mitgliedschaft in der ‘Ndrangheta – anders als in der sizilianischen Cosa Nostra – ausschließlich vom Vater an den Sohn vererbt wird. Damit ist das Schicksal der Kinder aus diesen Familien durch Geburt vorbestimmt. Sie werden regelrecht abgerichtet und für Raubüberfälle, als Drogenkuriere, Erpresser und sogar Killer benutzt – oft lernen schon Zehnjährige, mit Kriegswaffen zu schießen, statt in die Schule zu gehen. Viele landen schon mit 14 Jahren im Gefängnis, steigen aber dadurch in der Hierarchie auf, kommen als Erwachsene wieder frei und führen ihr Leben in den Mafiafamilien weiter. Irgendwann werden sie selbst zu Bossen. Die Mechanismen des Staates versagen. Schulen, Behörden und Sozialarbeiter sind machtlos. Sie haben durch den extremen Familienzusammenhalt keine Chance, an die Jugendlichen heranzukommen und werden mit dem Tod bedroht, wenn sie es versuchen.

Das Programm „Liberi di scegliere“


Roberto Di Bella (rechtes Foto) arbeitete seit 1993 in Kalabrien und sah die Tatsache, dass er im Laufe der Jahre nicht nur die Söhne der Bosse, sondern auch ihre Enkel und Urenkel vor sich sitzen hatte, als das größte Versagen der Justiz. Deshalb entwickelte er eine neue Idee. Er wollte diesen Teufelskreis durchbrechen, indem er Minderjährige per Gesetz aus den Familien holte: Er nahm den Bossen aufgrund der psychischen Schäden für die Entwicklung des Kindes das Sorgerecht. Die Jugendlichen kamen in staatliche Obhut und wurden anonym an geheimen Orten untergebracht.

Damit gab er den Jugendlichen die Chance, ein anderes, normales Leben ohne Gewalt und Kriminalität, ohne übergriffige Familien, stigmatisierende Nachnamen und Schweigegelübde, dafür mit Schulbildung kennenzulernen. Er startete eine weltweit einzigartige Initiative. Di Bella setzt aber nicht darauf, die Jugendlichen umzuerziehen. Er will ihnen nur die Welt außerhalb der mafiösen Strukturen zeigen, damit sie selbst entscheiden können, ob sie wirklich den Weg gehen möchten, den ihre Familien für sie ausgesucht haben. Sie sollen liberi di scegliere sein.

In den Gesprächen, welche die Behörden mit den Müttern dieser Jugendlichen geführt haben, hat sich ein weiterer Abgrund aufgetan: Nämlich die Verzweiflung und Ausweglosigkeit mancher Frauen. Oft werden ‘Ndrangheta-Ehen arrangiert, um die Machtgefüge der Familien zu stärken. Die Frauen sind für die Familie zuständig und haben meist kein Insiderwissen. Daher können sie nicht an Kronzeugenprogrammen teilnehmen, die ihnen nach einem Ausstieg Schutz gewähren würden – sie sind der Situation hilflos ausgeliefert. Sich von der Familie zu lösen, ist lebensgefährlich: Frauen, die auf eigene Faust fliehen wollen und von ihren Familien gefunden werden, werden umgebracht.


Podcast


Auf BR 2 Breitengrad gibt es unter „Die Kinder der `Ndrangheta“ einen tollen Podcast:


 >> BR 2-Podcast


Als Di Bella die Situation der Frauen klar wurde, erweiterte er das Programm „Liberi di scegliere“ auf die Mütter der Jugendlichen, die jetzt ebenfalls die Möglichkeit haben, zusammen mit ihren Kindern unterzutauchen. Mittlerweile gibt es sogar einige Väter, die nach ihrer Zeit im Gefängnis das Angebot angenommen haben, ihren Familien zu folgen, anstatt in ihr kriminelles Umfeld zurückzukehren.

Das Programm nahm bald ein Ausmaß an, welches das Jugendgericht von Reggio Calabria nicht mehr allein organisieren und finanzieren konnte. Ein Meilenstein war 2015 die Zusammenarbeit mit der Antimafia-Organisation „Libera“, die seit 1994 aktiv ist und von der Mafia beschlagnahmte Immobilien verwaltet. Sie hatte vielfältige Möglichkeiten, Di Bellas Programm zu unterstützen, und brachte es weit voran. Die letzte Version der Satzung wurde am 31. Juli 2020 von fünf italienischen Ministerien (Justiz-, Innen-, Kultus-, Wissenschafts- und Gleichstellungsministerium) sowie der nationalen Antimafiaorganisation unterzeichnet. Punkt 1: Alle Strukturen (Richter, Sozialarbeiter, Psychologen, Polizei, Kirche, Behörden etc.) sollen zusammenarbeiten, um ein Netzwerk zu schaffen, damit jeder einzelne Fall behandelt werden kann. Seit dem Schuljahr 2020/2021 steht das Programm „Liberi di scegliere“ sogar auf dem Lehrplan jeder italienischen Schule. Diesen Erfolg errang Di Bella in seinen letzten Tagen in Kalabrien – seit 2020 arbeitet er in Sizilien als Präsident des Jugendgerichts Catania.


Leider ist auch der Mord an Lea Garofalo wirklich geschehen.