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DIE FLÜCHTLINGSBOOTE AM STRAND

Als die Flüchtlingswelle aus Syrien 2015 Deutschland erreichte und die reichen EU-Länder plötzlich in hellem Aufruhr waren, dachte ich als Erstes: Sizilien hat diese Probleme bereits seit Jahrzehnten, und das hat bisher kaum jemanden interessiert.

Tatsächlich habe ich 2004 aus dem Fenster unseres Ferienhauses mit angesehen, wie die Küstenwache ein Flüchtlingsboot geborgen hat, und Freunde von uns, damals gerade mal zwanzig Jahre alt, haben an der Mole zwei Leichen gefunden. Ein weiterer Freund ist Bestattungsunternehmer und musste die beiden Männer anonym bestatten.

Natürlich wusste ich um die Flüchtlinge, kannte aus dem Fernsehen die Bilder der verzweifelten Gesichter und der überfüllten Auffanglager. Aber dass diese Menschen an unserem Badestrand, in unserem Ferienparadies ankamen, hat mir klargemacht, dass dieses Grauen eben nicht nur im Fernsehen stattfindet. Plötzlich war es ganz nah an mir dran. Auf den Fotos seht ihr die Flüchtlingsboote, die an unseren Stränden herumliegen, das Grab eines anonymen Flüchtlings und seinen Eintrag im Sterberegister.

Die Lage ist in den letzten Jahren nicht wirklich besser geworden. Bei dem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, sind seit 2014 laut der UN-Organisation für Migration mehr als 20.000 Flüchtlinge gestorben. Obwohl die Anzahl der über die Mittelmeerroute flüchtenden Menschen in den letzten Jahren gesunken sind (2016: 373.652 Menschen; 2019: 123.663 Menschen), fanden 2020 dabei immer noch 1.421 Menschen den Tod. Damit bleibt dieser Weg die tödlichste Seeroute der Welt.

Während der Coronakrise ist, weitgehend ignoriert von der europäischen Öffentlichkeit, die Zahl der ankommenden Boote wieder drastisch gestiegen. Im Mai 2020 landeten über 400 Flüchtlinge in der Provinz Agrigent an – genauer gesagt „bei uns“, am Strand unterhalb der Burg von Palma di Montechiaro (Foto rechts oben). Allein im Juli sind in Sizilien insgesamt 7.067 Migranten angekommen, bis Mitte August folgten weitere 3.000. In diesem Jahr sind die Zahlen sogar noch höher: Bis Mai 2021 haben 13.000 Bootsflüchtlinge Italien erreicht.

Diese Zahlen zeigen, wie verzweifelt die Menschen sind. Sie fürchten um ihr Leben, suchen Schutz, sehen in ihrer Heimat keine Perspektive mehr – weder für sich noch für ihre Kinder. Darum begeben sie sich in die Hände skrupelloser Schlepper und wagen die Flucht in seeuntauglichen Schlauchbooten. Viele werden Opfer von Gewalt und Ausbeutung.

Ausnahmezustand in Sizilien


Doch auch für die Länder, in denen die Flüchtlinge ankommen, ist die Situation desaströs – und das bereits seit Jahrzehnten! Gerade Griechenland und Sizilien haben genug eigene Probleme – und sie werden vom Rest der Welt weitgehend mit ihrem Flüchtlingsproblem allein gelassen. Der Europa-Politik ist es offensichtlich nicht möglich, eine praktikable Lösung zu finden. Immer wieder liegen Schiffe mit notleidenden Menschen vor den Häfen und die Behörden streiten tagelang darüber, wer für die Schiffbrüchigen zuständig ist. Die Auffanglager und Flüchtlingsunterkünfte sind heillos überfüllt.

Deshalb fordern die betroffenen Länder und auch Flüchtlingshilfswerke schon lange eine stärkere Koordinierung und mehr Solidarität der EU-Mitgliedsstaaten sowie eine klare Regelung zur Anlandung. Eigentlich hatten sich 2019 im sogenannten Malta-Abkommen verschiedene EU-Länder darauf geeinigt, Migranten aufzunehmen, darunter auch Deutschland. Die Verteilung klappt aber bis heute nicht.

Stattdessen versucht die EU, den Flüchtlingsstrom zu unterbrechen, indem die libysche Küstenwache möglichst viele Boote abfangen und zurückbringen soll. Zum Verständnis: Libyen ist das Transitland für die meisten Flüchtlinge Richtung Europa. Denjenigen, die dorthin zurückgeschickt werden, drohen – so der aktuelle Bericht des UN- Flüchtlingshilfswerks – Misshandlungen, Folter, Zwangsarbeit, sexuelle Ausbeutung und willkürliche Tötungen.

In Siziliens Asylaufnahmezentren, die ursprünglich nur für wenige Dutzend Migranten vorgesehen waren, müssen aktuell Hunderte von Flüchtlingen Platz finden. Die Strukturen auf der Insel sind überlastet, die Heime überfüllt. Das größte Auffanglager Cara Mineo beherbergt momentan etwa 4.000 Menschen – offiziell ausgelegt ist es für 2.000. Asylbewerber dürfen, wie in Deutschland, nicht arbeiten. Sie bekommen Essen, Italienisch-Kurse, ein Bett, Kleidung und medizinische Grundversorgung. Aber sie wollen natürlich auch Geld verdienen. Also warten viele von ihnen im Landesinneren am Wegesrand, um von Bauern aufgepickt zu werden, die sie für einen winzigen Lohn schwarz einen Tag auf den Feldern arbeiten lassen: Für rund 8 Euro pflücken sie zwölf Stunden am Tag Obst und Gemüse. Das ist Ausbeutung pur.

Andererseits: Die Arbeitslosenquote liegt auf Sizilien seit Jahrzehnten konstant über 20 Prozent. Dazu kommen noch Tausende von Tagelöhnern, die nur saisonal in der Landwirtschaft Arbeit finden, aber aus den Arbeitslosenstatistiken herausfallen und häufig am Rande oder sogar unterhalb des Existenzminimums leben. Und diese wenigen Arbeitsplätze gehen nun auch verloren.


So viele Seiten tragen zu diesem Dilemma bei. Gibt es eine Lösung dafür? Wahrscheinlich nicht. Die Lage wird sich in absehbarer Zeit weder für die Flüchtlinge noch für die Ankunftsländer bessern.


Aber vergessen wir eines nicht: Es geht um Menschen.


Die Schande Europas


Offener Brief der Bürgermeisterin von Lampedusa


Ich bin die neue Bürgermeisterin von Lampedusa. Ich wurde im Mai 2012 gewählt, und bis zum 3. November wurden mir bereits 21 Leichen von Menschen übergeben, die ertrunken sind, weil sie versuchten, Lampedusa zu erreichen.

Das ist für mich unerträglich und für unsere Insel ein großer Schmerz. Wir mussten andere Bürgermeister der Provinz um Hilfe bitten, um die letzten elf Leichen würdevoll zu bestatten. Wir hatten keine Gräber mehr zur Verfügung. Wir werden neue schaffen, aber jetzt frage ich: Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden?

Ich bin über die Gleichgültigkeit entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint; mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg.

Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass die europäische Einwanderungspolitik diese Menschenopfer in Kauf nimmt, um die Migrationsflüsse einzudämmen. Aber wenn für diese Menschen die Reise auf den Kähnen den letzten Funken Hoffnung bedeutet, dann meine ich, dass ihr Tod für Europa eine Schande ist.

Wenn Europa aber so tut, als seien dies nur unsere Toten, dann möchte ich für jeden Ertrunkenen, der mir übergeben wird, ein offizielles Beileidstelegramm erhalten. So als hätte er eine weiße Haut, als sei es unser Sohn, der in den Ferien ertrunken ist.


Giusi Nicolini, 2012